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Eiszeit - Meißen, der Ort, an dem alles stillstehtVeröffentlicht am 27.04.2017 in Freizeit

Knackende Geräusche unter mir, eine Stimme, die man mit ihrem Akzent nur schwer verstehen kann; ein leichtes Rumpeln geht durch das Flugzeug, als dieses auf dem Boden aufsetzt.

Ich bin endlich - nach 6 Monaten, in denen ich zu 90% Französisch gesprochen habe und nur zwei Deutsche kennengelernt habe - wieder in der Heimat gelandet. Mit einem überdimensionalen Grinsen laufe ich vom Flugzeug durch die Kontrollen über die Gepäckaufnahme zum Zug und treffe dort einen Kumpel, welcher mich schon in Lyon besucht hatte. Es gibt erst mal ganz viel Neues und Interessantes zu erzählen. Es hat sich so einiges in den letzten Monaten getan, bei ihm wie auch bei mir.

Dank ihm konnte ich das Wochenende in Berlin verbringen. Ich habe zwar nicht viel von den Sehenswürdigkeiten gesehen, dafür aber zwei weitere Freunde von uns beiden wiedergetroffen und zu viert ein echt geniales Wochenende verbracht. Kurzum, wir haben es ausgenutzt, dass wir alle über 18 Jahre alt sind. Vollgepumpt mit Antibiotika und weiteren Medikamenten, die zur Bekämpfung meiner Angina und des hohen Fiebers dienten, welche ich übrigens in derselben Woche bekommen habe, in der ich nach Deutschland geflogen bin, habe ich mich in den Flixbus gesetzt und ein wenig Schlaf nachgeholt, der mir schon seit geraumer Zeit gefehlt hatte.

Kalt und trostlos?Schnee, kalter Wind und Eiszapfen – und keine Menschen. Ich war froh, dass ich endlich wieder in meiner Heimat angekommen bin, sowie den langersehnten, aber schnell gehassten Winter erleben konnte. Ein wenig enttäuscht von den mager befüllten Straßen und dem fehlenden Lachen und Geschwätz der promenierenden Menschen durch die Gassen der Kulturstadt Dresden, begab ich mich mit einer Freundin zu meinen Schützlingen - zwei Brüder - , die ich vor zwei Jahren in der Erstaufnahmeeinrichtung in Meißen als Freunde gewonnen habe und seitdem immer mal besuche. Nach einem kurzen Gespräch war klar, den beiden geht es nicht so gut. Sie machen keine Fortschritte mehr im Erlernen der deutsche Sprache, was unter anderem schon an ihrem hohen Niveau liegt, und fühlen sich sozial isoliert, da sie keinen Anschluss zu anderen Deutschen finden. Der Frust ist groß, aber sie wissen sich auch nicht mehr zu helfen und langweilen sich in ihren vier Wänden. Ein wenig überrascht über die eigentlich kontaktfreudigen und sehr sozialen Brüder, begebe ich mich gen Meißen - mit einem ersten, flauen Gefühl in der Magengegend.

Am selben Abend habe ich bei der Freundin, mit der ich meine Schützlinge besucht habe, übernachtet und wir sind über die letzten Monate, in denen ich nicht mehr in Deutschland präsent war, ins Gespräch gekommen. Sie klagte über die erschöpfende und aushöhlende Langeweile, die ihr in Meißen begegnet, da es für die Jugend in Meißen keinerlei Angebote gibt (entgegen der Meinung mancher Politiker oder Stadträte). Seitdem ich die Porzellan- und Weinstadt verlasse habe, ist ihr bester Freund weggezogen und hat somit ein mehr oder weniger großes Loch zurückgelassen, welches durch das Fehlen von Menschen in ihrem Alter, den Mangel an Angeboten und an Möglichkeiten zum Feiern oder generell Ausgehen nicht gefüllt werden kann. Das Ganze gipfelt nun in leichten Depressionen und einem Gefühl des Alleinseins. Der ständig monotone Ablauf von Arbeiten und zur Schule gehen, hilft bei der Bewältigung der Leere im Herzen keinesfalls und fördert eher den Verfall ihrer Frohnatur.

Als ich in Meißen angekommen war, stellte ich fest, dass sich so einiges geändert hatte: der „CundA“ in den Arkaden wurde geschlossen (weitere Geschäfte folgen), die Esso-Tankstelle wurde abgerissen, es gibt einen neuen, schöneren Übergang zwischen der Dönerbude und dem Busbahnhof. Ich war positiv überrascht, aber wie sagt man so schön: „der Schein trügt“.

Mit der am vorherigen Tag selbstgebackenen Schwarzwälderkirschtorte und einem französischen Wein aus der Region Rhône-Alpes in den Händen, begab ich mich zu meinem Vater, um ihn an seinem Geburtstag zu überraschen. Er wusste wirklich von nichts und mit der sehr guten Zusammenarbeit mit meiner (Stief-)Mama, ist die Überraschung gelungen. Sogar ein paar Tränen sind gekullert und sprachlos war er auch für einen Moment.

Auch bei den beiden hat sich nicht sehr viel geändert.

In der Woche, in der ich im Elbtal geblieben bin, habe ich versucht, so viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte wie nur möglich zu besuchen. Bei ihnen hat sich ebenfalls nicht viel verändert - immer noch in der langweiligen Ausbildung, gleicher schlecht bezahlter Job und wieder einmal mit dem Ex zusammen.

Darüber hinaus gab es noch einen Freund, der das Gefühl hat, nicht mehr aus seinem „Kuhdorf“ herauskommen zu können und Angst hat, etwas zu verpassen. Isoliert, depressiv und auch missverstanden träumt er davon, mal in die weite Welt zu ziehen, aber er kann sich von den Fesseln der Perspektivlosigkeit, der Ich-kann-doch-eh-nichts-daran-ändern- und der Ich-schaffe-das-doch-eh-nicht-Einstellung nicht lösen.

Sichtlich verstört war ich, als ich zufälligerweise einen Freund auf einer Brücke traf und er geradeheraus meinte, dass er keinen Sinn im Leben sieht und eigentlich nur noch wegen seiner Katze am Leben bleibt. Zermürbt, dass mir das ein zweites Mal passieren könnte, bin ich zu meinem Vater nach Hause gegangen und habe mich vor den Fernseher gesetzt und sinnlos durch die Kanäle gezappt.

Meine einwöchige Heimreise hatte ich mir doch ein wenig fröhlicher vorgestellt. Dennoch war ich überglücklich, all die Menschen zu sehen, die mir am Herzen liegen und wir, trotz dieses depressiven Schleiers, der über der von Schnee bedeckten Region lag, herzhaft lachen und herumalbern konnten.

 

Patrick Lippert

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