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Ein Teil von mirVeröffentlicht am 21.10.2016 in Freizeit

Schon mal was von den Städten Mostaganem,Tiaret oder Rouïba gehört? Wohl eher kaum, denn Algerien gehört nicht zu einem der Hauptreiseziele der deutschen Reisenden. Mich verbindet mehr als nur Urlaub mit dem afrikanischen Entwicklungsland.

Kurz nach Mitternacht kommt die Lufthansamaschiene am Flughafen in Algier zum stehen. Über eine Brücke geht es dann ins Hauptgebäude des zweitmodernsten Flughafens Afrikas. Doch der Weg bis zum Zoll ist mehr als spärlich, es gibt nämlich nur einen Weg dahin und neben der deutschen Maschine sind noch zahlreiche weitere zu dieser Nachtstunde gelandet. Und wenn man es dann endlich durch die Kontrolle geschafft hat, kommt auch schon Problem Nummer 2: das Gepäck finden. Zwar ist der Flughafen, der nach dem Präsidenten Houari Boumedienne benannt ist, technisch sehr weit, jedoch kann man ihn mit unseren Standards nicht vergleichen. Nach weiterem Warten haben wir es endlich geschafft, mit Sack und Pack geht es zum Auto.

Vier Stunden Fahrt liegen vor uns. Es geht in die Hafenstadt Mostaganem und damit in die Geburststadt meiner Oma. Zehn Tage des Urlaubes verbringe ich in einem gemieteten Appartement, das weder Klospülung noch Duschbrause besitzt. Es ist mehr als nur ungewohnt, schließlich ist so was in Deutschland fast unmöglich.

Nach einer mehr als herzlichen Begrüßung durch meine Tanten schlafe ich auch schon ein. 10 Stunden Reise liegen hinter mir.

Fast täglich kommen nun Verwandte und Bekannte vorbei, das letzte mal habe ich alle vor ungefähr 6 Jahren gesehen. Bei Unterhaltungen klinke ich mich völlig aus, zwar beherrsche ich einige Brocken der Muttersprache meines Vaters, doch das ist gerade mal so viel, um Brot einkaufen zu gehen. Trotzdem sind Unterhaltungen auf Französisch möglich, da Algerien einst eine Kolonialmacht Frankreichs war.

 Ein paar Tage später gehen wir mit der Familie shoppen. Ich bin erstaunt, dass die Stadt ein Kaufhaus besitzt. Mülltonnen gibt es jedenfalls nicht. Auch öffentliche Verkehrsmittel findet man hier nicht - nur laufen oder mit dem Auto fahren sind möglich.

Neben dem Shoppen gehört auch der Besuch bei Verwandten zur Tagesordnung. So sind wir eines abends bei Verwandten der Schwester meiner Großmutter zu Besuch. An diesem Abend lerne ich die 13jährige Tochter des Hauses kennen, sie lernt in der Schule Englisch und Französisch. Es fällt mir nicht schwer, mich mit ihr zu unterhalten, obwohl ihr Französisch tausend mal besser ist als meins. Aber ich lerne auch noch eine weitere Lektion, die mir schwer im Magen liegt: Sobald mir das Wort "Nein" über die Lippen kommt, werde ich schief angeguckt. Jeden Nachschlag, alle Speisen muss ich akzeptieren, denn ein "Nein" wertet der Gastgeber mit der Ungenießbarkeit seiner zubereiteten Mahlzeit.

Ein Fettnäpfchen in das ich nicht nur diesen Abend treten werde. Schon am nächsten Nachmittag sind wir zum Kaffee bei Verwandten eimgeladen. Die Kuchen sehen mehr als köstlich aus. Doch schon nach der zweiten süßen Versuchung kann ich nicht mehr, der ganze Zucker ist einfach zu viel für mich. Und wieder kassiere ich schiefe Blicke. Ich bin mehr als froh, als wir die Rückreise antreten - einfach weil ich das Gefühl nicht los werde, die ganze Zeit beobachtet zu werden.

Am letzten Aufenthaltstag in der Hafenstadt besuchen wir Verwandte in einem Touristenkomplex. Hier gibt es zum Mittag Couscous - und der Fehler der letzten Tage passiert mir wieder. Die Gastgeberin droht mir sogar (im Spaß) nicht mehr mit zu reden, wenn ich nicht vollständig aufesse.

Nach dem ausgiebigen Mahl geht es an den Strand. Während die Söhne der Cousine meiner Großmutter ins Wasser gehen, bleiben die Frauen am Strand. Das ist aber nicht nur bei uns so, sondern offensichtlich Sitte - am Strand befinden sich zahlreiche Frauen in Burka oder Burkini.

Nach 10 Tagen Hafenstadt fahren wir an einem Dienstag morgen, in die Heimatstadt meines Vaters: Tiaret. In der römisch angehauchten Stadt bleiben wir nur einen Tag. Am nächsten Tag soll es schon nach Rouïba, einem Vorort von Algier, gehen.

Nach Pizza mit Mayonnaise bleiben mir nur vier Stunden Schlaf. Danach geht es wieder zurück ins Auto. Schon das Reinfahren in den Vorort zeigt, dass die großen Städte technisch viel weiter sind. Es gibt Plätze zur Müllentsorgung und Geschäfte wie Adidas. Man merkt den Unterschied auch schon daran, dass zahlreiche Frauen ohne jegliche Verschleierung die Straßen betreten.

In Rouiba treffen wir uns mit einem Freund meines Vaters, dieser betreibt inder Stadt ein Geschäft für Handtaschen. Er lädt uns in einen Laden, in dem typisch algerisch gegrillt wird. Nach dem Abendbrot beziehen wir unser Quartier in einem 4-Sterne-Hotel für die Nacht. Am nächsten Tag heißt es dann auch schon Abschied nehmen von dem Land mit den zahlreichen Facetten.

Irgendwie bin ich froh darüber, doch ich weiß auch, dass mir das Land fehlen wird, denn, auch wenn ich mir das nicht eingestehen mag, ist es auch ein Teil Heimat von mir.

Sarah Mekki

 

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