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Flüchtlinge an unserem BSZ: Deutsche Sprache, schwere Sprache?Veröffentlicht am 12.05.2016 in Schule

Seit September 2015 bekommen, zahlreiche junge Männer und Frauen die Chance, die deutsche Sprache zu lernen. Jedoch ist das nicht gerade einfach, schließlich deutschen wir viele englische Begriffe ein, kombinieren die deutsche Sprache mit dem Englischen, führen Rechtschreibreformen ein und wissen am Ende selber nicht, ob "das" mit einem oder zwei s. Wie soll es also ein nicht Muttersprachler schaffen, sich durch den Alltag zu schlagen mit diesen Tücken? Eine Frage, die mich bewegte, bevor ich den DAZ-Unterricht an unserem Schulstandort Radebeul besuchen durfte.

 

Es ist 8:20, als ich die Klasse hinter Frau Richter betrete und sofort liegen die Augenpaare aller anwesenden Jungs auf mir. Ich angle mir also schnell einen Platz in der hintersten Reihe, um niemanden vom Lernen abzuhalten. Der Unterricht selbst beginnt erst so spät, um zu gewährleisten, dass alle Jungs pünktlich sind, da sie in Radebeul und der Umgebung wohnen. „Trotzdem kommen manchmal nicht alle“, verrät mir Frau Richter. Auch heute werden im Verlaufe des Tages noch zahlreiche Jungs dazustoßen. Aber im Moment müssen die Schüler sich vorstellen. Wie sie heißen, woher sie kommen, wo sie im Moment wohnen und warum sie in Deutschland sind. Die Jungs werfen sich den Ball abwechselnd zu, nachdem auch ich mich vorgestellt habe. Hierbei begehe ich jedoch den Fehler, vor Aufregung ein flottes Tempo in meine kleine Ansprache zu legen.

Viele der Schüler sind hier, da in ihrem Land Krieg herrscht. Sie wollen hier studieren, arbeiten, aber vor allem sich ein Leben in Sicherheit aufbauen. Doch am meisten überrascht mich das Alter zahlreicher Teilnehmer des Kurses. Muhanad ist gerade einmal 18 Jahre alt und vor 8 Monaten aus Syrien geflohen. Er ist so alt wie ich und während ich mich über die kleinen Probleme des Alltags beschwert habe, hat er in den Trümmern eines Krieges gelebt und von einer besseren Zukunft geträumt. Nachdem sich auch Frau Richter selbst vorgestellt hat, beginnt dann der „normale“ Unterricht. Test korrigieren steht heute auf dem Plan, dabei erhält jeder ein fremdes Blatt. Eine Aufgabe dieses Arbeit war es, Aufgaben mit Präpositionen zu bilden, dabei gibt es natürlich einen Unterschied, ob die Präposition allein steht oder ein Verb dazugehört. Das einem Deutschbeginner zu erklären, hätte sogar mich ins Schwitzen gebracht. Frau Richter nimmt es jedoch gelassen und schiebt noch eine kleine Grammatiklektion ein.

Nachdem auch dieses Problem behoben ist, widmet sich der Kurs einer Leseaufgabe. Doch auch hier kommen, die unterschiedlichsten Fragen auf. „Was ist eine Bahncard?“ will Rahmatullah wissen. Auch das erklärt Frau Richter so verständlich es geht und erwischt danach prompt einen ihrer Schüler am Handy. Zwar ist die Atmosphäre im Klassenzimmer recht locker, aber die Jungs lernen auch Regeln und Grenzen kennen. Daher entschließt sich die Lehrerin, das Smartphone kurzerhand auf ihrem Schreibtisch zu platzieren. Lange bleibt es jedoch nicht da, denn die heiß ersehnte Pause steht schon vor der Tür. Während ich in dieser Zeit noch ein paar Fotos von den Jungs mache, wird Frau Richter nur so mit Fragen bombardiert. „Es macht Spaß, klar, aber es ist auch anstrengend. Schließlich bin ich so etwas wie eine Bezugsperson für sie“, verrät sie mir vor der Stunde.

Während Frau Richter weiter ihre Jungs betreut, wechsle ich die Klasse. Neben der 1. Klasse gibt es parallel noch einen zweiten Kurs, dieser wird von Frau George fit gemacht in der deutschen Sprache. Hier wird im Moment sehr viel wert auf eine saubere Aussprache gelegt. Dafür müssen die Schüler den Satz „Er findet ein Picknick langweilig“ fehlerfrei nach sprechenkönnen. Große Probleme bereitet ihnen das Wort langweilig, da das Wort vorne stark betont wird und nicht hinten. Außerdem werden die Silbe, jedes Wortes nachgeklatscht.

Um sich die Schreibweise besser merken zu können, notieren sich die Schüler ihre Wörter auf Vorkabelkärtchen mit der Übersetzung in ihrer Sprache. Das merkwürdige ist, dass ich diese Methode selbst nutze, wenn ich meine Vokabeln für Englisch oder Französisch zu Hause noch einmal wiederhole oder mich auf eine Klausur vorbereite. Danach wird die Hausaufgabe verglichen und wie in einer ganz normalen Schule auch, macht man dabei Fehler. Beim Ansagen korrigieren sich die Mitstreiter daher oft selbst oder untereinander. Die Jungs in diesem Kurs sind viel zurückhaltender und ruhiger als im ersten und auch Elnaz, das einzige Mädchen in beiden Kursen, schlägt sich wacker.

 Nach einer weiteren Pause, in der ich damit beschäftigt bin, Bilder zu machen, wechsle ich mit Frau George den Kurs. In der Pause albern die Jungs viel herum, stellen mir aber auch ein paar Fragen. Wo ich wohne, was ich zurzeit mache, oder warum ich heute da bin. Nicht immer klappt es da mit Deutsch und die Jungs übersetzen gegenseitig füreinander.

Zu Unterrichtsbeginn haben sich dann auch schon ein paar der fehlenden Schüler eingefunden, die wegen Terminen bei den deutschen Ämtern den Unterricht verpasst haben. Natürlich wird das von den Lehren akzeptiert, schließlich sind diese Besprechungen wichtig für sie. Den Unterricht allgemein beginnen die Jungs natürlich mit einer Begrüßung. Im Gegensatz zu mir müssen sie aufstehen, während die meisten meiner Lehrer, das im Sitzen handhaben.

Frau George arbeitet mündlich mit den Jungs in einem Buch, was die zu bearbeitenden Themen vorgibt. Aufgabe ist es, die Fragen richtig mit "Ja", "Nein" oder "Doch" zu beantworten. Die Jungs erklären sich dabei gegenseitig die Bedeutung dieser Wörter in deutsch. Die Lehrerinnen nutzen für solche Erklärungen, die im deutschen zu schwer zu verstehen sind, meistens Englisch. Es dient als Brücke, wenn nicht einmal Hände und Füße beim Erklären helfen.

Wie das Problem mit dem Handygebrauch im Unterricht, wird auch ständiges Schnattern mit alleine sitzen bei der nächsten Übung bestraft. Die Jungs sollen einen Text schnell lesen und die gestellten Fragen auf einem Blatt beantworten. Nach 20 Minuten wird verglichen, dabei stellt sich heraus, dass manche der Jungs noch Probleme mit dem Lösen solcher Aufgaben haben.

Während der Kurs sich weiter durch den Text kämpft, wechsle ich wieder die Klasse. Dabei platze ich gerade herein, als die Gruppe eine Arbeit schreibt.

Nach der Arbeit stellen sich mir auch diese Schüler vor, zwar hatte ich schon mit ein paar von ihnen persönlich in der Pause gesprochen, aber so bekam ich die Chance, noch ein bisschen mehr über sie zu erfahren. Radwan zum Beispiel hatte nicht nur am Vortag Geburtstag gehabt, er lebt zur Zeit in einer deutschen Familie mit seinem Bruder in Meißen. Auch er ist wegen des Krieges in Syrien aus seiner Heimat geflohen.

Nach der zweiten Vorstellungsrunde beginnt der Kurs mit dem neuem Thema Wohnung. Am Anfang müssen erst einmal die Abkürzungen wie "zzgl. NK" oder "Altb." geklärt werden. Danach erklärt Frau Richter ausführlich, was dieses Wort bedeutet. Ihab fällt das Verstehen manchmal noch schwer, daher bekommt er eine weitere Erklärung auf Arabisch.

45 Minuten später haben die Jungs ihre große Mittagspause, eigentlich spielen sie da immer leidenschaftlich gerne Fußball, doch da diese Passion den Unterricht öfters einige Minuten gekostet hat, machen es sich die Jungs heute auf den Bänken bequem. Was mir auffällt ist, dass keiner der anderen anwesenden Schüler aus Ausbildung oder Fachoberschule sich zu ihnen gesellt oder mit ihnen spricht. „ Am Anfang war das Verhältnis noch kritischer, erst nach dem die Schüler sich 1,5 Stunden zusammen beschäftigt haben, wurde es besser. Manchmal spielen sie auch Fußball zusammen, aber die Berührungsängste sind noch zu groß und das, obwohl unsere Schüler in die Klassen integriert werden sollen“ gesteht mir Frau George.

Mohammad Omid sagte auf dieses Thema hin zu mir: „ Wir sind alle Menschen“ und ich muss daran denken, wie die Jugendlichen aus der Bahn, mit der ich zur Schule gefahren bin, über diese Menschen gelästert haben. Es ist irgendwie traurig zu wissen, dass immer noch so viele Menschen damit ein Problem haben, sich mit Menschen mit Migrationshintergrund zu befassen oder diese zu akzeptieren.

Mit diesen Gedanken gehe ich in die fünfte und letzte Stunde dieses Tages. Frau Richter tauscht mit den Jungs das Buch aus, das sie ab Freitag brauchen werden. Nach Monaten ein kleiner Lichtblick in der deutschen Sprache. Danach müssen die Schüler abwechselnd die Fragen beantworten, die sie sich am Vortag ausgemacht haben. Mohammad Omid entpuppt sich dabei ein bisschen als der Klassenkasper. Aber auch der Rest des Kurses will endlich nach Hause. 13:15 ist es dann auch endlich geschafft, mit Bus oder Zug fahren die Jungs dann nach Hause.

Was ich von dem Tag mitgenommen habe? Mensch ist Mensch, egal welche Hautfarbe, Nationalität oder kultureller Hintergrund.

Sarah Mekki

 

 

 

 

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